Konzept

Während der Anteil der jüngeren und erwerbsfähigen Bevölkerung in Deutschland sinkt, steigt die Zahl der Menschen über 65 Jahren im Bundesgebiet kontinuierlich an. Die Altersgruppe der Hochaltrigen, sowie deren Risiko pflegebedürftig zu werden, wird überproportional steigen. Ende 2015 waren rund 2,9 Millionen Bundesbürger pflegebedürftig, davon lebte rund ein Drittel in einer Pflegeeinrichtung. In Deutschland wurden 2015 etwa 783.416 Pflegebedürftige in 13.596 Pflegeheimen (Statistisches Bundesamt 2017) versorgt.

Auch bei bereits vorliegenden gesundheitlichen Einschränkungen können positive Effekte durch ein körperliches Training nachgewiesen werden.  Wissenschaftliche Studien zeigen, dass es sich in jedem Alter lohnt, mit einem aktiven Lebensstil zu beginnen, denn er wirkt sich auch im hohen Alter positiv auf die Gesundheit aus, besonders auf den Erhalt der körperlichen und geistigen Fähigkeiten. So bleiben die Selbstständigkeit und die Teilhabe am gesellschaftlichen Miteinander länger erhalten.

Es mangelt jedoch an fundierten und wissenschaftlich evaluierten Präventionsprogrammen speziell für bereits auf Hilfe angewiesene Menschen. Vor diesem Hintergrund hat die Forschungsgruppe Geriatrie Lübeck (FGL) in Zusammenarbeit mit Physio- und Ergotherapeuten sowie Sport- und Gymnastiklehrern aus den teilnehmenden Pflegeeinrichtungen das Lübecker Modell Bewegungswelten (LMB) als standardisiertes Präventionsprogramm entwickelt. Das LMB berücksichtigt die Interessen und Ziele, aber auch die Leistungsgrenzen pflegebedürftiger Personen. Der kognitive und körperliche Zustand älterer (pflegebedürftiger) Personen ist so unterschiedlich, dass vor der Entwicklung des Programms eine genaue Zielgruppe definiert wurde, auf die das Programm passgenau ausgerichtet ist. Folgende Auswahlkriterien sind für die Trainingsteilnahme ausschlaggebend:

  • mindestens 6 Meter ohne personelle Unterstützung gehfähig (ggf. mit Gehhilfen) ODER
    selbstständige Stehfähigkeit (ggf mit Hilfsmitteln)
  • geeignet für ein Gruppentraining (ausreichende kognitive, Hör- und Sehfähigkeiten)


Das Programm wird ständig weiterentwickelt auf Basis von den Ergebnissen einer begleitenden wissenschaftlichen Evaluation. Auch die Rückmeldungen der Anwender fließen in die kontinuierliche Verbesserung des LMB ein.

Bewegungswelten

Das LMB zeichnet sich insbesondere durch die „Bewegungswelten“ aus, in denen das Training angesiedelt ist. Die Übungen einer Trainingseinheit werden jeweils in eine Situation aus dem Alltag eingebettet. So wird eine körperliche mit einer kognitiven Aktivierung verbunden. Dadurch erhöht sich nicht nur die Motivation zum Mitmachen, sondern es steigt auch die Freude an der Bewegung. Es werden beispielsweise in der Bewegungswelt „Apfelernte“ Übungen vermittelt, die körperliche Aktivitäten wie „Auf eine Leiter steigen“, „Äpfel pflücken“ und „Einen Korb Äpfel nach Hause tragen“ nachahmen. Die Bewegungswelt reaktiviert Gedächtnisinhalte und regt Phantasie und Kreativität an. Es werden Gespräche angestoßen, in denen die Teilnehmenden sich über Vorlieben, Abneigungen, Kenntnisse und persönliche Erfahrungen austauschen und sich untereinander besser kennenlernen. So fördert das Gruppentraining in Bewegungswelten auch die sozialen Kontakte.
Für jede Bewegungswelt liegt ein in der Praxis umfassend erprobter, chronologisch aufgebauter Planungs- und Dokumentationsbogen vor. Er führt durch die Bewegungswelt und beinhaltet ausgewogene Übungen, welche auf das Training der unterschiedlichen Körperregionen sowie auf die Förderung motorischer und kognitiver Fähigkeiten abzielen.

Um die Motivation der Teilnehmenden zu steigern, den eigenen Alltag bewegter zu gestalten, wird ihnen im Anschluss an die Trainingseinheit ein individuelles Programm aus der jeweiligen Bewegungswelt ausgehändigt. Die darin enthaltenen Übungen sind speziell auf die Teilnehmenden zugeschnitten. Sie sollen am besten täglich durchgeführt werden. Beim nächsten Gruppentraining wird wiederum darauf Bezug genommen.

Mein tägliches Bewegungsprogramm
Abbildung 1: "Mein tägliches Bewegungsprogramm" (MtB) aus der Bewegungswelt "Am Strand"

Eine bedeutende Rolle übernehmen die Pflege- und Betreuungskräfte, die Zu- und Angehörigen: Sie helfen nicht nur den Teilnehmenden, das Training zu besuchen, sondern unterstützen sie auch darin, ihr tägliches Bewegungsprogramm durchzuführen. Beobachtete Fortschritte sind für diese Co-Therapeuten selbst eine Motivation, das LMB weiterhin zu unterstützen. Über positive Rückmeldungen motivieren sie auch die Teilnehmenden dazu „am Ball zu bleiben“. Dies ist ein wichtiger Aspekt für die Verstetigung des Programms.

Evaluation

Das LMB wurde 2015 in einem Pilotprojekt  in zehn Lübecker Pflegeeinrichtungen umgesetzt und mit umfassender wissenschaftlicher Begleitforschung flankiert. Das Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Bielefeld (Leitung Prof. Dr. Schaeffer) erhebt und analysiert prozessrelevante Parameter auf der Ebene der durchführenden und beteiligten Institutionen und Akteure (formative Evaluation). Im Sinne des lebensweltlich orientierten Ansatzes zur Gesundheitsförderung und Prävention bildet die formative Evaluation die Grundlage für die verhältnispräventiven Aspekte des LMB.   Die Abteilung Supportivangebote Sport- und Bewegungstherapie des Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel (Leitung: Dr. Thorsten Schmidt) ist in Kooperation mit dem Institut für Sportwissenschaft der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Leitung: Prof. Dr. med. Weisser) für die Erhebung und Analyse der Effekte auf der Ebene der TN verantwortlich.

Die Effektevaluation untersucht unter anderem, ob die Selbstständigkeit und motorische Fähigkeiten wie Kraft, Ausdauer und Koordination erhalten oder gar gesteigert werden. Von Interesse ist außerdem, ob das Präventionsprogramm kognitive Fähigkeiten stabilisiert und psychosoziale Faktoren wie Wohlbefinden, Lebensqualität und soziale Kontakte positiv beeinflussen kann.
Die formative Evaluation erfolgt mit dem Kernziel fördernde und hemmende Einflussfaktoren bei der Implementierung und Verstetigung des LMB zu identifizieren und zu analysieren. Konkret soll untersucht werden, wie die Implementierung des Programms auf Organisations-, Nutzer- und Mitarbeitendenebene verläuft.

Erste Ergebnisse

Erste Ergebnisse zeigen, dass innerhalb eines halben Jahres in folgenden Bereichen positive Veränderungen festgestellt werden konnten: Selbstversorgungsfähigkeiten, Ausdauerleistung, Gleichgewicht, Aufstehen und Gehen unter kognitiver Ablenkung, Schulterfunktion, sowie Lebensqualität in Bezug auf die Beeinträchtigung durch Schmerzen.

Darüber hinaus erfreut sich das LMB ersten Zwischenergebnissen zufolge bei der großen Mehrheit der Teilnehmenden langfristig großer Beliebtheit. Die dauerhafte Teilnahme stellt den wichtigsten Erfolgsfaktor dar, denn der Bedarf an regelmäßiger körperlicher Aktivität bleibt bestehen und bei Abbruch des Trainings wäre mit einer Rückbildung der erzielten positiven Effekte zu rechnen.


Quellen:
https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Gesundheit/Pflege/Tabellen/PflegebeduerftigePflegestufe.html (Zugriff am: 06.09.2017)
https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Gesundheit/Pflege/Pflege.html (Zugriff am: 06.09.2017)