Konzept

Schon kleine Änderungen der Bewegungsgewohnheiten und die Steigerung der körperlichen Aktivität haben positive Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden. Denn Bewegung ist Leben, Bewegung hält mobil und Bewegung fördert soziale Kontakte! Bewegungsförderung kann dazu beitragen, bis ins hohe Alter ein selbstbestimmtes und eigenständiges Leben zu führen und aufrecht zu erhalten. Um die Bewegungsaktivitäten älterer Menschen zu fördern, haben die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), die Deutsche Sporthochschule Köln (DSHS), der Deutsche Olympische Sportbund e.V. (DOSB), der Deutsche Turner-Bund e.V. (DTB) und der Landessportbund Nordrhein-Westfalen e.V. (LSB NRW) das AlltagsTrainingsProgramm (ATP) entwickelt.

Insbesondere vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und der Zunahme der Multimorbidität im Alter gewinnt das Thema Gesundheitsförderung und Prävention für ältere Menschen zunehmend an Bedeutung. Eine Schlüsselfunktion nimmt dabei die Bewegungsförderung ein. Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit, Koordination und Schnelligkeit nehmen mit zunehmendem Alter ab. Zudem erhöht sich im Alter das Risiko für chronische Erkrankungen, die durch einen inaktiven Lebensstil ebenfalls begünstigt werden. Wir leben heute in einer Gesellschaft des langen Lebens. Im Fokus steht gegenwärtig und zukünftig das aktive Altern.

Das ATP wurde entwickelt, um möglichst viele Menschen ab 60 Jahren in Bewegung zu bringen und deren Alltag nachhaltig aktiver zu gestalten. Ziel des ATP ist es, den Alltag drinnen und draußen als Trainingsmöglichkeit zu verstehen und dadurch ein effektives Mehr an Bewegung in das tägliche Leben einzubauen. Zielgruppe des ATP sind Männer und Frauen ab 60 Jahren, die bisher einen eher inaktiven Lebensstil gepflegt haben. Das ATP ist zudem mit wenigen Hilfsmitteln (Treppe, Stühle, Wege, elastisches Übungsband) einfach umsetzbar.

Nach einer erfolgreichen Pilotphase in Nordrhein-Westfalen erfolgte die bundesweite Implementierung und Ausbreitung des AlltagsTrainingsProgramms über die Strukturen des organisierten Sports. Parallel dazu konnten auch Partner wie Wohlfahrtsverbände und Landesvereinigungen für Gesundheit gewonnen werden, um gezielt ältere Menschen anzusprechen, die Angebote zur Bewegungsförderung in Sportvereinen nicht oder eher selten nutzen. Im Februar 2017 erhielt das ATP die Siegel „Sport pro Gesundheit“ (DOSB) und „Pluspunkt Gesundheit“ (DTB). Seit Anfang 2018 ist das Programm von der Zentralen Prüfstelle Prävention (ZPP) als Präventionskurs anerkannt und mit dem Siegel „Deutscher Standard Prävention“ zertifiziert.

Evaluation

Im Jahr 2016 wurde das ATP während der Pilotphase in den Strukturen des Landessportbundes NRW erstmals durchgeführt und von der Deutschen Sporthochschule Köln (Zentrum für Gesundheit durch Sport und Bewegung) evaluiert. Relevante Daten wurden dabei zu drei Zeitpunkten, vor der ersten Kursstunde (T0), nach der letzten Kurs-stunde (T1) und drei Monate nach Beendigung des Kurses (T2) von Teilnehmenden, Übungsleitenden und Experten aus dem organisierten Sport erfasst. Ziel der Evaluation war es u.a. herauszufinden, welche Zielgruppe erreicht wird, ob die Teilnehmenden zufrieden mit den Inhalten sind und ob das Bewegungsverhalten der Teilnehmenden beeinflusst werden kann. Für die Erfassung des Bewegungsverhaltens wurden die MET-Werte (MET = Metabolisches Äquivalent)1  der Teilnehmenden in unterschiedlichen Kategorien („berufliche Tätigkeit“, „Haushalt“, „Gartenarbeit“, „Freizeit“ u. „Sport“) mittels eines Fragebogens2  festgehalten und ausgewertet. Weitere Ziele waren die Prüfung der Umsetzbar-keit der Inhalte in die Praxis sowie die Überprüfung der Zufriedenheit der Übungsleitenden und der umsetzenden Personen in Sportvereinen und Sportverbänden.

Insgesamt nahmen 137 Personen (69,7 ± 6,6 Jahre) an elf ATP-Kursen von zehn Vereinen an der Evaluation teil. Über zwei Drittel der Befragten war weiblich (68%) und das Bildungsniveau war sehr heterogen. Die Trainingsinhalte des ATP wurden von den befragten Teilnehmenden sowohl direkt nach dem Kurs als auch drei Monate nach Kursende positiv bewertet (Abb. 1).


Der Kurs wurde hinsichtlich Gruppengröße und Kurszusammensetzung auf einer Schulnotenskala durchschnittlich mit gut+ bewertet. 94,5% der befragten Teilnehmenden gaben an, wieder am ATP teilnehmen zu wollen und 100% würden das ATP weiterempfehlen. Des Weiteren geben zwei Drittel an, dass sie drei Monate nach Ende des ATP-Kurses noch immer Kontakt zu Personen aus der Trainingsgruppe oder zu einem Übungsleiter oder Übungsleiterin haben. 95% bzw. 93% der Teilnehmenden gelang es, direkt bzw. drei Monate nach der Kursteilnahme mehr Bewegung in ihren Alltag zu integrieren.

Die positiven Ergebnisse der Teilnehmenden-Befragung zur Akzeptanz des Kurses werden durch die Ergebnisse der Übungsleitenden- und Expertenbefragung gestützt. Eine Auswertung3 der Interviews zeigte, dass das ATP-Kurs-programm von den befragten Expertinnen und Experten einheitlich positiv und innovativ bewertet wurde. Durch die guten Strukturen (Verbände, Referentinnen und Referenten, Übungsleitende) stehe laut Interviewpartnern einer bundesweiten Einbindung des ATP in bestehende Vereinsstrukturen des organisierten Sports nichts entgegen.

Auch die Zielgruppe der älteren Inaktiven konnte erreicht werden. Im Gegensatz zu herkömmlichen Gesundheits-sportangeboten4 konnte ein überdurchschnittlich hoher Anteil von Männern erreicht werden. Die entwickelten Inhalte des Programms sind gut in der Praxis umsetzbar und anwendbar. Das positive Erleben der Gruppen- und der Kurszusammensetzung kann ein Indiz dafür sein, warum ein Großteil der Teilnehmenden erneut am ATP teilnehmen möchte und alle Befragten das Programm weiterempfehlen. Übungsleiter und Experten aus dem organisierten Sport betonen den innovativen Charakter des ATP sowie die einfache Umsetzbarkeit vor Ort mit wenigen Hilfsmitteln. Teilnehmeraussagen lassen vermuten, dass das ATP Einfluss auf das Bewegungsverhalten der Teilnehmenden hat5.

1) Das metabolische Äquivalent wird verwendet, um den Energieverbrauch verschiedener Aktivitäten miteinander zu vergleichen. Dabei ist 1 MET der Grundumsatz einer erwachsenen Person im
Sitzen und ist definiert als die Sauerstoffaufnahme von 3,5 ml/min/kg.
2) Huy C, Schneider S. Instrument für die Erfassung der physischen Aktivität bei Personen im mittleren und höheren Erwachsenenalter. Z Gerontol Geriat 2008;41:208–16.
3) Mayring P. Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. (11. aktualisierte und überarbeitete Aufl.). Weinheim: Beltz, 2010.
4) Jordan S. von der Lippe E. Teilnahme an verhaltenspräventiven Maßnahmen. Bundesgesundheitsblatt 2013;56:878–84.
5) Ammann C., Atzinger, Froböse I. Das AlltagsTrainingsProgramm (ATP). Public Health Forum 2017; 25(2):165-168.

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