Das Lübecker Modell Bewegungswelten: Ein motorisch, kognitiv und sozial aktivierendes Trainingsprogramm für pflegebedürftige Ältere unter dem Dach der stationären Pflege

Die Menschen in Deutschland werden so alt wie nie zuvor. Um die Mobilität und Selbstständigkeit der älteren Menschen aufrechtzuerhalten, ist es wichtig, gezielte vorbeugende und gesundheitsfördernde Maßnahmen anzubieten, die individuelle Ressourcen freisetzen und stabilisieren.

Bewegungsfördernde Maßnahmen versprechen auch für ältere pflegebedürftige Menschen einen Gesundheitsgewinn und können dazu beitragen, weitere Funktionsverluste  zu verhindern. Es gibt Hinweise darauf, dass ein motorische und kognitive Elemente kombinierendes Training besonders effektiv ist und sich günstig auf Gesundheit und Selbstständigkeit der Teilnehmenden auswirkt (vgl. Oswald et al., 2002; Rahe et. al., 2015).   In der Praxis mangelt es jedoch an wirksamen Bewegungsprogrammen, die auf die speziellen Bedürfnisse und Fähigkeiten dieser Zielgruppe zugeschnitten sind. Die Forschungsgruppe Geriatrie Lübeck (FGL) hat daher in Zusammenarbeit mit speziell qualifizierten Übungsleitenden ein standardisiertes, zielgruppengerechtes Trainingsprogramm entwickelt, das „Lübecker Modell Bewegungswelten“.

Zur Förderung von Selbstbestimmung, Mobilität und Lebensqualität älterer Menschen entwickelte die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) mit Unterstützung des Verbandes der privaten Krankenversicherung e.V. (PKV) das bundesweite Präventionsprogramm „Älter werden in Balance“. Ein Schwerpunkt des Programms bildet das lebensweltbezogene Bewegungsprogramm „Lübecker Modell Bewegungswelten“.

Das Lübecker Modell Bewegungswelten kann mit vergleichsweise wenig Aufwand in das Konzept der aktivierenden Pflege integriert werden und ermöglicht auch pflegebedürftigen Personen aus der Umgebung die Teilnahme am Training. Die Begeisterung der mittlerweile über 150 Älteren in den Pilotgruppen - mehrheitlich in  den SeniorInnenEinrichtungen der Hansestadt Lübeck - bestätigte den Mitwirkenden das Potential des Lübecker Modell Bewegungswelten auch für die bundesweite Implementierung.

Das Lübecker Modell Bewegungswelten weist einige Unterschiede zu anderen Trainingsprogrammen auf,  allen voran die Einbettung der gesamten  Trainingsstunde in eine „Bewegungswelt“ zum Beispiel die „Apfelernte“ oder „Am Strand“ oder der „Hausbau“ als Grundidee des Konzeptes. Die Übungsleitenden gestalten das Training anhand von standardisierten Planungs- und Dokumentationsbögen, die der Stunde einen strukturierten Rahmen geben und somit zur Umsetzungsqualität beitragen. Bewegungen, die sich an die Erfahrungen der Teilnehmenden anlehnen, werden nicht nur leichter verstanden und korrekt ausgeführt, sondern stimulieren zum kommunikativen Austausch über Erinnerungen. Dies erhöht den Spaß- und Geselligkeitsfaktor und motiviert dadurch Ältere zur regelmäßigen Teilnahme. Meistens gelingt schon während der ersten Trainingsstunde ein „Auftauen“ der Teilnehmenden – selbst diejenigen, die sonst kontaktarm oder sogar teilnahmslos wirken, tauchen in der Regel in die Bewegungswelt ein, erzählen und machen die Übungen wie nebenbei mit. Dabei ist immer wieder erstaunlich, welche  Gesprächsbeiträge auch leicht demenziell erkrankte Ältere aus ihrem Erinnerungsschatz beisteuern können, so „zeigen, was in ihnen steckt“, von der Gruppendynamik profitieren und in ihrem Selbstwertgefühl gestärkt werden.

In der Schulung zum Übungsleitenden für das Lübecker Modell Bewegungswelten wird vermittelt, wie die individuellen Leistungsgrenzen der Teilnehmenden angemessen berücksichtigt werden können. Pflegebedürftige Ältere erleben schon Alltagsaktivitäten oder Veränderungen ihres gewohnten Tagesablaufs als Stress, sodass ein vermutetes Schädigen durch das Training zum Vermeidungsverhalten führen kann (Spiller, 2015). Die derzeitigen Beobachtungen zeigen, dass die meisten Teilnehmenden die Übungen des Lübecker Modell Bewegungswelten zwar als anstrengend, jedoch gut zu bewältigen empfinden. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für eine kontinuierliche Teilnahme. Stellt eine ältere, pflegebedürftige Person funktionelle Verbesserungen fest, die sie in ursächlichem Zusammenhang mit ihrem Training sieht, so ist sie in besonderem Maße motiviert (Schäfer, 2011). Ein typisches Beispiel für die wahrgenommene Wirksamkeit im Lübecker Modell Bewegungswelten ist der Moment, in dem Teilnehmende, die bislang  personelle Unterstützung benötigten, um sich von einem Stuhl zu erheben, es im Rahmen der Pflichtübung Aufstehen erstmals seit Monaten wieder schaffen, selbstständig in den Stand zu kommen. Diese Verbesserung der Selbsthilfefähigkeit wird auch von den Pflegefachkräften wahrgenommen.

Da die  Konzeption des Lübecker Modell Bewegungswelten auf der Basis verifizierter sport- und gesundheitswissenschaftlicher sowie physiotherapeutischer Trainingsprinzipien erfolgte und die Erfahrungen aus bereits erprobten Bewegungsprogrammen berücksichtigt, ist von seiner grundsätzlichen Wirksamkeit auszugehen. Personen der Zielgruppe für die langfristige Teilnahme zu gewinnen ist eine Schwierigkeit, die die wissenschaftliche Evaluation erheblich behindern kann (Freiberger et al., 2016). Das Lübecker Modell Bewegungswelten setzt im Sinne des Präventionsgesetzes für die Konzeption von präventiven und gesundheitsfördernden Projekten Maßstäbe hinsichtlich Methodik, Qualitätssicherung und wissenschaftlicher Evaluation der Effekte auf die Trainingsteilnehmenden, im erweiterten Sinne auch auf die Tätigkeit und Zufriedenheit der Pflegenden.

Vor diesem Hintergrund veranstaltet die BZgA am 5. April 2017 (Tag der älteren Generation) die 5. Bundeskonferenz „Gesund und aktiv älter werden“ in Berlin zu dem Thema „Präventionspotenziale im hohen Alter - Ansätze der Prävention und Gesundheitsförderung in der Lebenswelt Pflegeeinrichtung“. Ziel der Konferenz ist es, die Potenziale von Prävention und Gesundheitsförderung im hohen Alter zu erörtern und erfolgreiche Ansätze bekannt zu machen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Lebenswelt Pflegeeinrichtung. Im Fokus der Konferenz stehen die folgenden Fragen:

  • Wie kann eine möglichst gute Gesundheit und Lebensqualität auch im hohen und höchsten Lebensalter bzw. bei Pflegebedürftigkeit gefördert werden?
  • Wie können die Selbstgestaltungsmöglichkeiten Hochaltriger, insbesondere auch in Pflegeeinrichtungen, gestärkt werden?
  • Bedarfe und Ansätze für Prävention und Gesundheitsförderung in der Lebenswelt Pflegeeinrichtung – wo könnte die Entwicklung hingehen?

In drei Impulsvorträgen werden Prof. Dr. Dr. Andreas Kruse, Prof. Dr. Doris Schaeffer und Dr. Martin Willkomm die Potenziale von Prävention und Gesundheitsförderung im hohen Alter aus den Perspektiven der Altersforschung, Pflegewissenschaft und praktischen Geriatrie beleuchten. Dr. Eckart von Hirschhausen moderiert die Veranstaltung.

Am Nachmittag bieten parallele Fachforen Gelegenheit zu einem vertiefenden Austausch zu folgenden Themen:

  • Lübecker Modell Bewegungswelten
  • Gesundheitsförderung in der Pflege unter Berücksichtigung der Qualitätsentwicklung
  • Autonomie und Selbstbestimmung in der Pflegeeinrichtung
  • Gesundheitsförderung bei chronischen Erkrankungen

Auf der Bundeskonferenz werden die Testverfahren zur Messung der Leistungsfähigkeit pflegebedürftiger Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Lübecker Modell Bewegungswelten und Daten aus der ersten Hälfte des 1-jährigen Studienzeitraumes präsentiert. Dort haben Sie die Gelegenheit, selbst in eine „Bewegungswelt“ einzutauchen.

Erleben Sie am Tag der älteren Generation, dem 5. April, die 5. Bundeskonferenz „Gesund und aktiv älter werden“ in Berlin selbst mit und melden Sie sich gleich hier an.

Literaturverweis:

  1.  Freiberger, E., Kemmler, W., Siegrist, M., & Sieber, C. (2016). Frailty and exercise interventions. Evidence and barriers for exercise programs. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 49, 606-611.
  2. Oswald, W.D., Hagen, B., Rupprecht, R. & Gunzelmann, T. (2002). Bedingungen der Erhaltung und Förderung von Selbständigkeit im höheren Lebensalter (SIMA). Teil XVII: Zusammenfassende Darstellung der langfristigen Trainingseffekte. Zeitschrift für Gerontopsychologie & -psychiatrie, 15 (1), 13-31.
  3. Rahe, J., Petrelli, A., Kaesberg, S., Fink, G. R., Kessler, J. & Kalbe, E. (2015). Effects of cognitive training with additional physical activity compared to pure cognitive training in healthy older adults. Clinical Interventions in Aging, 10, 297-310.
  4. Schäfer, C. (2011). Patientencompliance – Messung, Typologie, Erfolgsfaktoren. Durch verbesserte Therapietreue Erfolgsreserven ausschöpfen. Wiesbaden: Gabler Verlag, Springer Fachmedien.
  5. Spiller, R. (2015). Motivation von Seniorinnen und Senioren zur sportlichen Betätigung: Eine empirische Untersuchung mittels qualitativer Interviews in und um Göttingen. Dissertation, Georg-August-Universität Göttingen. Abgerufen am 31.01.2017 von https://ediss.uni-goettingen.de/bitstream/handle/11858/00-1735-0000-0022-605C-8/Dissertation_Rita_Spiller.pdf?sequence=1